Wir gehören einer alten Tradition von Menschen an. Genauer gesagt stehen wir auf zwei Beinen. Das eine Bein ist die Tradition mild schimmernder Weisheit, die in ihrer Didaktik den aus Wirklichkeitsschau fliessenden Dialog kultiviert. Vidya vrittis, dies sind Gedankenregungen, die auf ihren Ursprung hin ausrichten; die Verwirklichung des Höchsten Kenners der Erscheinungen. Diese Tradition arbeitet mit der Frage: Wer bin ich?
Das Blühen des Herzens reift im stillen Warten allmählich hinein in eine Kultur der doppelten Blüte des Worts. Das Herz ist, obgleich offenbar, nicht ganz einfach zu verwirklichen. Noch schwieriger zu erlangen ist die Blüte des Worts. Die Mittel hierzu sind stilles Warten und Reduktion. Niemand reduziert. Es ist das Wort selbst, das sich wieder und wieder einfältelt, bis Lauschen und Stille vereint Wort sind.
Kennzeichen dieser Blüte ist das Gespräch von Mensch zu Mensch, in dem der sogenannte Schüler vom Guru angeregt, Fragen entwickelt, die Verstand und Sinne an Grenzen des Denk- und Wahrnehmbaren führen. Währenddessen der Lehrer Undenkbare Stille und ihre inhärente Ordnung verkörpernd, in Wort, Geste, Schweigen, Lächeln auf Es verweist. Eingewoben in Stille, Wort, Lächeln reifen wir so ins Erkennen hinein.
Das andere Bein ist die kashmirische Tradition des Yoga, die die Natur und ihre sinnenprächtigen Lebewesen als reinen Körper der höchsten Göttin verehrt. Ihr Wirken ist Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Ihre Gnade ist beides, Verhüllung und Enthüllung des Wesens der Wirklichkeit. So ist für uns diese farbenfrohe Erde, ja.. jede Frau samt ihren geliebten Kindern strahlende Schönheit, um die das All kreist.
Es ist ein Yoga der Energien und ihres bewundernden Belauschens. Er erkennt an, dass das Kleid der Göttin aus ineinander verwobenen reinen Lagen unterschiedlicher Subtilität und Ausdehnung besteht, dass es Bewusstsein und non-dual ist.
Körperempfindung, Atemempfindung, Emotion, Gedanke. Dies sind einige der Lagen des Gewandes, dessen Essenz reine erweckte Freude ist.
Freude, Weisheit, daraus resultierendes Mitgefühl sind Schlüssel, die Erde vom kalten Getöse der Macht zu befreien, um ihre sublime Harmonie erblühen zu lassen.
Aus der Vorzeit her ringen Menschen der Tradition, um reines Wasser als Blüte in der Blüte einer Blüte ins Jetzt zu tragen. Ihre Namen: vergessen, Ihre Worte: wechselnd, Ihre Art und Weise des Lehrens: veränderlich im Lebensfluss jeder Generation. Wir verwenden im Lehren Namen, Symbole, Kleider und Gegenstände, gerade so, wie sie uns anstaunend als Treibgut des Lebens angeschwemmt werden
So bemühen wir uns um das Mensch-Sein. Schlicht lassen wir uns selbst am Ende unseres Moments ins grosse Vergessen hinein, in dem wir weiter wirken.
…wenn die Hände zur Ruhe kommen, die Gestalt verblasst, ein letztes Wort sich erfüllt, ein letzter Atemzug verhaucht, ein Lächeln… hin über das stille Gesicht gestrahlt,…. Was ist dann….?
Unsere Nachfolge handhaben wir Un-Persönlich und nehmen jenseits von Eigen-Wille Zeichen des Einen an. Zur Zeit der Unruhe erwägen wir, die Lehre mit einer alten Geste zu schützen. So sichern wir das (Über)Leben der Tradition.
Das grosse Vergessen schliesst Alles ein. Das heiligste Wort, das jubilierendste Kunstwerk, die perlendste Sonate verklingt. Sogar mit Mutters hoch gerühmtem Rezept für leckere Apfelkuchen macht es leider Tabula rasa.
Wenn die Schrift verblasst, das Bedauern vergessen und auch das Vergessen vergessen ist, …. was ist dann…?
Wir vertrauen der verwirklichten Erkenntnis. Sie weiss, wie sich die Lehre von der Nicht-Lehre lebt und einbringt in Bedingtheit von Zeit und Raum. Ihre Intelligenz spielt frei. Ihre Kreativität spielt frei. Ihr Wirken spielt frei.
Dies bedeutet fähig zu sein, auf den Beinen der Tradition zu laufen. Nichts wird unbedingt weiter getragen, ausser dem radikalen Anspruch auf vollständige Verwirklichung, sowie Dankbarkeit und Liebe. Diese Liebe, diese Dankbarkeit kennen kein Gegenüber, keine Zeit, keine Grenze.
Unser Aller Ringen um die Wirklichkeit aus der Vorzeit her sieht diese wunderbare Erde, die ich berufe, -deren wundervolles Wirken ich kenne.
Dieses Ringen sieht mein alter Freund Jean Klein, dessen Lehren der Nicht-Lehre lebt.
Comments
-
liebe ingrid,
dieser wundervolle essay ist genau die antwort auf meine telepathische frage im wald ... so inspirierend und so wunderschön sind diese worte, aus der stille kommend und auf die stille weisend ...
ich würde gerne diese seite ausdrucken, wiederlesen und mit meiner mutter teilen ...
vielen dank für dieses wertvolle geschenk,
marion


